|
»Seit alters ist's der Weisen Sitte, / Stets einzutreten für die Mitte. / Wie glücklich ist doch unser Staat! In Werner Faymann wird sie Tat! Mit klarem Wort und offnem Blick / macht er die beste Politik!«
Dieser publizistische Schleimbatzen erschien in der Krone vom 26. August unter »Wolf Martin« auf Seite 2. Schade, dass Alexander Van der Bellen in der TV-Konfrontation das nicht vorgelesen und Faymann gefragt hat, ob er sich dafür nicht in Grund und Boden geniert - nach seinem EU-Brief an die Krone.
Erfreulicherweise ist dies in der Kolumne von Hans Rauscher in der Printausgabe des »Standards« vom 28. August 2008 zu lesen; denn es erspart, Wolf Martin direkt an- zusprechen. Die Frage aber, ob Werner Faymann sich genieren müßte, ist seit langem so nicht mehr zu stellen. Denn auf eine derartige Frage müßten demokratisch sozialisierte Menschen längst eine endgültige Antwort gefunden haben. Vielmehr ist zu fragen, weshalb diese sich immer noch nicht für ihren Führer-Kult in Grund und Boden genieren.
Wenn in der rechten Spalte zu lesen ist, daß die einmal genannten Namen nicht mehr getauscht zu werden brauchen, kann heute, am 28. August 2008, ergänzt werden, in Österreich besitzen auch Verse zeitresistenten Kenntlichkeitswert. In welch verstechnischer Tradition Wolf Martin steht, möge bewerten, wer ihn sekundärliteraturtauglich hält. Es könnten bereits Versuche (mit Blick auf die herrschende Untersuchungswut wäre das nicht mal verwunderlich) in diese Richtung gemacht worden sein, zum Beispiel mit dem Ziel, die Arbeitshypothese zu bestätigen oder zu verwerfen, Martin Wolf könne den Reimern jener Zeit, in deren Zone Östereich offiziell nicht mehr verortet sein will, zugerechnet werden. Wofür etwa Zeilen wie die folgenden herangezogen hätten können worden sein, für die aber auch unabhängig von Martin Wolf in Österreich nach wie vor (beinahe geschrieben: nur noch im ge- heimen) Anhängerschaft rekrutiert werden:
Wir hörten oftmals deiner Stimme Klang und lauschten stumm und falteten die Hände, da jedes Wort in unsre Seelen drang. Wir wissen alle: Einmal kommt das Ende, das uns befreien wird aus Not und Zwang.
Was ist ein Jahr der Zeitenwende! Was ist da ein Gesetz, das hemmen will - Der reine Glaube, den du uns gegeben, durchpulst bestimmend unser junges Leben. Mein Führer, du allein bist Weg und Ziel!
O glaubt nicht, daß wir feige sind und auf die Knie gezwungen, weil wir in dieser schweren Zeit uns noch nicht freigerungen.
Und jedes Wort, das du an uns gerichtet, und jeder Blick, den du an uns verschenkst, hat uns geläutert und hat uns gelenkt.
Zwei Menschen sind in dir vereint: Einer, der kalt und hart erscheint, der, was er will, erzielt. Einer, der weich und gütig ist, der auch den Ärmsten nicht vergißt, mit dem Geringsten fühlt.
Sein Geleitwort datierte Baldur von Schirach, Herausgeber der Verse »Das Lied der Getreuen«, mit »Im Wahlkampf 1938«. Der Honorar-Erlös dieses Gedichtbandes, dem die oben zitierten Zeilen entnommen sind, werde, ist darin zu lesen, dem Obergebiet Österreich der HJ in Wien überwiesen.
Auch dieser Wolf Martin ist, zum Beispiel von Hans Rauscher, konkret zu fragen, warum er sich nicht in Grund und Boden geniert. Und auch sein Herr, der Sechszeiler- herausgeber, und dieser möglicherweise auch noch in einer zweiten, der erhabeneren Funktion: es könnte durchaus sein, daß für Wolf Martin tatsächlich sein Herr der Staats- größte ist. Denn auch Anlaßreimer sind durchaus dazu fähig, zu codieren. Zusätzlich könnte, wenn nach Beweisen für Veränderungen in Österreich gesucht werden will, die Frage gestellt werden, wohin 2008 der Erlös überwiesen wird.
|